Einschränkung von Ladezeiten? „Das sagt alles über die Chancen des E‑Autos als Zukunftslösung aus“

Ein Elektroauto wird mit einem Kabel an einer privaten Wallbox aufgeladen (gestellte Szene).
© Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Herr Professor Brasseur, während die Politik vehement die Elektromobilität propagiert, sagen Sie, das Elektroauto werde so schnell verschwinden, wie es aufgetaucht sei. Wissen Sie mehr als die Politiker?
Leider gehen die Regierungen nicht faktenbasiert vor, sondern hängen Ideologien, politischen Meinungen oder Wunschdenken nach. Das alles sind aber Luftschlösser. Schon deshalb, weil die Elektromobilität, so wie sie gehandhabt wird, aktuell gerade einmal für 2 Prozent aller Kfz gilt. Trotzdem denkt der Chef der Deutschen Bundesnetzagentur, Klaus Müller, bereits jetzt, wo es noch verhältnismäßig wenige E‑Autos gibt, darüber nach, zu gewissen Tageszeiten das Aufladen für private Haushalte einzuschränken, weil sonst das Gesamtnetz überlastet werden könnte. Das sagt eigentlich alles über die realistischen Chancen des E-Autos als Zukunftslösung aus.

Unbezahlbar
Unser Newsletter begleitet Sie mit wertvollen Tipps und Hintergründen durch Energiekrise und Inflation – immer mittwochs.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Warum aber setzt die Politik trotzdem alles auf die Karte E‑Mobilität?
Dass Politiker manches nicht wissen, ist ihnen nicht vorzuwerfen. Dass sie sich dies aber nicht eingestehen wollen, ist ignorant, denn so wird verhindert, dass Experten aus Industrie und Wissenschaft auf fundierten Fakten basierende Lösungen aufzeigen. Tatsächlich aber lässt sich mit Elektromobilität CO₂ nur einsparen, wenn zuerst grüne Kraftwerke gebaut und danach neue Stromverbraucher durch Förderungen motiviert werden, ans Netz zu gehen. Bis dahin aber bleibt die Bilanz eines E‑Autos schlechter als die eines kleinen Benziners oder auch Diesels. Das heißt, das Ziel – 100 Prozent grüner Strom –, wird durch die Elektromobilität sogar verzögert.
Ein als moderner Euro-6- oder Euro-7-Diesel realisierter Energiekonverter erzeugt weniger CO₂ und viel weniger Schadstoffe (Kohlenmonoxyd oder Stickoxyde) als ein E‑Auto, das aus dem europäischen Netz mit Strom aus Kohlekraftwerken geladen wird.
Das müssen Sie genauer erklären.
Genau genommen ist das einfache Physik. Ein Beispiel: Wenn ich direkt neben einem Windrad wohne, speist das Windrad den grünen Strom trotzdem in das europäische Netz ein, und mein Haus bezieht den Strom von diesem Netz, das circa 60 Prozent grünen und 40 Prozent fossilen Strom liefert, und nicht vom Windrad. Wenn ich nun einen zusätzlichen Verbraucher wie zum Beispiel einen Wasserkocher mit einem kW Leistung einschalte, nehme ich diesen Strom allen anderen Verbrauchern im Netz weg und ein Kraftwerk wird rasch diese zusätzliche Leistung von einem kW erbringen müssen, da das Netz nur funktioniert, wenn Verbrauch und Angebot gleich sind. Das besagte Kraftwerk kann aber kein grünes Kraftwerk sein, da diese bereits vor dem Einschalten des Wasserkochers die den Witterungsbedingungen maximale Leistung abgegeben haben. Also muss ein fossiles Kraftwerk, das aus Kostengründen meist ein Kohlekraftwerk ist, diese zusätzliche Leistung für den Wasserkocher erbringen. Und weil dasselbe fürs E‑Auto gilt, ist es ein kapitaler Fehler, die Elektromobilität in diesem Maße zu fördern.
Zur Person
Der Elektrotechniker Georg Brasseur ist emeritierter Professor der TU Graz und war von 2013 bis 2022 Präsident der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2021 ist er wissenschaftlicher Leiter des gemeinnützigen Vereins Neter, New Energy Transition Europe Researchassociation, zur Weiterentwicklung der Energiewende Europas.
Wie müsste ein Auto aussehen, um den Anforderungen unserer Zeit zu genügen?
Stellen Sie sich ein Modell der unteren Mittelklasse, in der Größe eines 3er BMW oder einer Mercedes-C-Klasse vor, jedenfalls kein SUV. Dieses Auto besitzt einen rein elektrischen Antriebsstrang – der ist einfacher und kostengünstiger und hält länger als ein konventioneller –, und einen kleinen elektrischen Speicher, der für die Fahrdynamik – Beschleunigen und Bremsen – völlig ausreicht. Immer dann, wenn dieser Speicher Gefahr läuft, sich zu leeren, springt eine Brennstoffzelle oder ein Verbrennungsmotor mit Generator an und lädt diesen Speicher auf.
Klingt erst einmal wie ein typisches Hybridfahrzeug.
Jetzt kommt aber der Clou: Weder eine Brennstoffzelle noch ein Verbrenner mögen variable Last, also wechselnde Geschwindigkeiten, weswegen unsere Autos in der Stadt einen schlechten Wirkungsgrad aufweisen. Legt man diesen Motor aber darauf aus, was das Auto auf der Autobahn Höchstgeschwindigkeit erreichen soll, dann würde man zum Beispiel bei 130 km/h gerade einmal 30 Kilowatt und bei 180 km/h nur etwa 60 Kilowatt benötigen. Und dafür reicht schon ein relativ kleiner Energiekonverter, der die heute bekannten flüssigen Kraftstoffe konvertieren kann, das könnte auch Methanol sein. Ein solcher mit einer fixen Leistung hätte einen Wirkungsgrad, der gut doppelt so hoch wäre wie konventionelle Benzin- oder Diesel-Pkw.
Wir werden noch sehr viel Zeit benötigen, bis die Energiewende umgesetzt ist. Und bis dahin muss man Energie sparen, an jeder Ecke und überall.
Dieses Auto gibt es aber (noch) nicht; würden Sie daher dem sauberen Diesel noch eine Chance geben?
Auf jeden Fall! Denn dieser als moderner Euro-6- oder Euro-7-Diesel realisierte Energiekonverter erzeugt weniger CO₂ und viel weniger Schadstoffe (Kohlenmonoxyd oder Stickoxyde) als ein E‑Auto, das aus dem europäischen Netz mit Strom aus Kohlekraftwerken geladen wird. Ein konventionelles Auto, das schadstoffarm ist, zu verschrotten, um ein anderes, ein Elektroauto zu kaufen, das schon bei der Produktion durch die Batterie sehr viel CO₂ freisetzt, wäre Energieverschwendung zum Quadrat. Wir werden noch sehr viel Zeit benötigen, bis die Energiewende umgesetzt ist. Und bis dahin muss man Energie sparen, an jeder Ecke und überall.
Wie reagiert die Politik in Österreich auf Ihre Vorschläge?
Was glauben Sie, wie oft ich bei zuständigen Regierungsstellen versucht habe vorzudringen, damit von der Politik endlich faktenbasiert gehandelt wird. Leider werden sowohl meine Argumente zur Lösung des „Energieproblems“ als auch die anderer Wissenschaftskollegen seitens der zuständigen Politiker bislang stets von ideologischen und populistischen Maßnahmen zugedeckt, wodurch sich die Energiewende signifikant verzögern wird. Die Zeit läuft uns aber in rasendem Tempo davon. Mehrere Tipping-Points werden dann unumkehrbar überschritten und extreme Wetterereignisse allgegenwärtig sein. Die europäischen Gletscher, Grönlands Eispanzer und vermutlich auch die Polkappen werden abschmelzen, Meeresströmungen wie zum Beispiel der Golfstrom werden kollabieren, die Feucht- und Trockengebiete der Erde sich verschieben und der Meeresspiegel signifikant ansteigen, womit Milliarden von Menschen die Lebensgrundlage entzogen wird. Und diese Szenarien möchte ich mir gar nicht erst vorstellen.